„Engineers welcome“ Ein syrischer Ingenieur auf seinem Weg in die deutsche Arbeitswelt

Die erste Online-Jobbörse für Flüchtlinge und Arbeitgeber "Workeer" nutzt Zaher T. auch, um Arbeit zu finden. Foto: Workeer
Die erste Online-Jobbörse für Flüchtlinge und Arbeitgeber „Workeer“ nutzt Zaher T. auch, um Arbeit zu finden. Foto: Workeer

Der Mann wirkt ungemein entspannt und optimistisch. Er spricht erstaunlich gut deutsch. Dabei ist Zaher T. erst seit Herbst 2014 hier. Sein offizieller Integrationskurs ist allerdings erst jetzt für Mai 2016 anberaumt. Der 35-jährige Ingenieur aus Damaskus kam mit Frau und zwei Kindern in ein Land, das sich viel auf seine Ingenieurskunst zu gute hält. Zaher T. hat wie seine Frau Maschinenbau studiert und bereits sieben Jahre Berufserfahrung. In dem seit fünf Jahren vom Bürgerkrieg zerrütteten Syrien sah er keine Zukunft mehr für sich und seine Familie. Die Sprache ihrer Wunschheimat haben sich die beiden mithilfe von Intensivkursen beigebracht – und durch die sozialen Kontakte und Deutschkurse im Rutesheimer „Freundeskreis der Flüchtlinge“. Gegenwärtig stehen die Begriffe des Ingenieurwesens in seinem Vokabelheft. Ganz aus der geistigen Welt war das Deutsche für die beiden Ingenieure nicht, denn für das Studium an der Hochschule war Englisch Pflicht. Die wissenschaftliche Literatur in Syrien ist in der Weltsprache abgefasst. Aber man kann sich vorstellen, was es für uns heißen würde, mal eben Arabisch zu lernen.

Ein Jahr und einen Monat hatte es gedauert, bis der Hochqualifizierte seinen Aufenthaltstitel samt Arbeitserlaubnis erhielt. Seit November letzten Jahres bewirbt er sich nun um eine angemessene Beschäftigung. 25 Bewerbungen hat er seit dem an mögliche Arbeitgeber versendet – bisher ohne Erfolg. „Viele Arbeitgeber scheinen Verständigungsschwierigkeiten zu fürchten“, mutmaßt Zaher T. Stufe B1 (Fortgeschrittene Sprachverwendung) kann Zaher T. bereits vorweisen, C1 (Fachkundige Sprachkenntnisse) wird gefordert. Daran arbeitet der Ingenieur gegenwärtig. Fachlich bringt er wertvolle Erfahrungen mit. Als Konstrukteur kümmerte er sich in Syriens Hauptstadt bei einem namhaften Aluminiumhersteller um Produktions-Anlagen von Strangpressprofilen und zur Aluminiumbeschichtung sowie um Wasseraufbereitungsanlagen, Handlingsystemen für die Produktion et cetera. Für einen Anlagenbauer berechnete und entwarf er Funktürme und Strommasten. Dabei bediente er sich aktueller CAD-Programme wie Solidworks und Autocad, für sein Projekt-Mangement MS Project und weiterer MS-Office-Tools.

Bevor die Wirtschaft in Syrien durch den grausigen, alles zerstörenden Bürgerkrieg faktisch zum Erliegen kam, befand sie sich auf einem guten Weg, an westliche Standards Anschluss zu finden. Zwar vielfach staatlich gelenkt, entwickelte sich dennoch eine ambitionierte mittelständische Privatwirtschaft. Das Land, dessen finanziellen Rückhalt eine, allerdings rückläufige Ölförderung bildete, das ansonsten aber landwirtschaftlich ausgerichtet war, sah sich vor die Notwendigkeit gestellt, industrielle Entwicklungen zu forcieren. Zaher T.: „Die Arbeitswelt in meinem Heimatland habe ich als ungemein weltoffen und persönlich angenehm empfunden. Wir Syrer pflegen unter einander einen sehr freundschaftlichen Umgang. Dennoch wurde in den Firmen, die ich kennen gelernt habe, sehr intensiv und zielgerichtet gearbeitete.“ Sechs Tage die Woche, acht Stunden pro Tag und mehr – so gestaltete sich sein Arbeitsleben in Syrien. Mit seinem dortigen Einkommen konnte der Ingenieur seiner Familie einen guten Lebensstandard sichern. Einkommenssteuern werden nicht erhoben, Mieten sind günstig. Dafür ist etwa Krankenversicherung Privatsache. Regulierung beschränkt sich auf ein Minimalmaß: „Der Staat will wenig von seiner arbeitenden Bevölkerung, aber er tut auch kaum etwas für sie.“ Besonders in dieser Hinsicht ist Zaher T. hierzulande mit ganz anderen Verhältnissen konfrontiert. „Die soziale Sicherheit in Deutschland empfinde ich als starkes Plus, für die ich gern bereit bin, meinen Beitrag zu leisten.“ Andererseits ist da eine Bürokratie, die sogar den Zugang zum Arbeitsmarkt bis ins Detail regelt und allen Besonderheiten gerecht zu werden trachtet – was manchen Arbeitgeber eher abzuschrecken denn zu ermutigen scheint, einen ausländischen Arbeitnehmer einzustellen. „In Syrien wird ein Arbeitsverhältnis per Handschlag besiegelt.“ Tarifverträge: Fehlanzeige.

So einfach geht es hierzulande nicht ab. Zaher T. wäre bereit, sich auch als technischer Zeichner sogar als Mini-Jobber zu verdingen: „Ich möchte einfach Berufspraxis in Deutschland bekommen und nicht dem Staat auf der Tasche liegen.“ Die bisher aufgelaufenen Absagen sind nicht dazu angetan, ihn aufzubauen. Aber Zaher T. lässt sich nicht entmutigen. So geht es auch manch inländischem Bewerber. Als nächstes steht eine weitere Schulungsmaßnahme für Ingenieure bei der IHK und der Dualen Hochschule Baden-Württemberg auf dem Programm.

Trotz denkbar guter beruflicher Voraussetzungen und intensiver Unterstützung durch wohlmeinende Bürger bedarf es für Flüchtlinge einer Riesenportion Geduld und Stehvermögen, um in Deutschland und seiner Arbeitswelt anzukommen. Zaher T. bleibt optimistisch. Gegenwärtig stehen zwei Vorstellungsgespräche bei renommierten Ingenieurbüros in der Region an. (SW)